Ein Kollege bricht am Arbeitsplatz zusammen. Ein schwerer Unfall passiert auf dem Weg ins Büro. Oder eine Nachricht verändert von einem Moment auf den anderen alles. Psychische Ausnahmesituationen kommen meist ohne Vorwarnung. Umso wichtiger ist es, in den ersten Minuten und Stunden richtig zu reagieren. Während die Grundlagen der körperlichen Ersten Hilfe vielen Menschen vertraut sind, herrscht bei psychischen Krisen oft Unsicherheit: Was soll ich sagen? Was kann ich tun? Kann ich durch eine falsche Reaktion die Situation sogar verschlimmern?
Psychologische Erste Hilfe bedeutet nicht, Therapeut sein zu müssen.
Es geht zunächst darum, Sicherheit zu vermitteln, Orientierung zu geben und einen Menschen in einer akuten Belastungssituation nicht allein zu lassen. Darüber spricht Barbara Amon-Zsaitsits, zertifizierte Notfallpsychologin und Gesundheits-, Arbeits- und Organisationspsychologin bei IBG, im Podcast „Erste Hilfe für die Seele“ von DIE MACHER.
Wenn der Körper auf Alarm schaltet
In einer außergewöhnlichen Belastungssituation reagiert unser Organismus innerhalb kürzester Zeit. Das Gehirn schaltet auf Alarm, Stresshormone werden ausgeschüttet und der Körper bereitet sich darauf vor, mit der Bedrohung umzugehen. Typische Reaktionen werden häufig mit Fight, Flight oder Freeze beschrieben: kämpfen, flüchten oder erstarren. Betroffene können deshalb sehr unterschiedlich reagieren. Manche werden hektisch und aktiv, andere ziehen sich zurück oder wirken wie eingefroren. Auch Konzentrationsprobleme, Erinnerungslücken oder Schwierigkeiten, klare Entscheidungen zu treffen, können auftreten.
Wichtig ist: Solche Reaktionen sind in einer außergewöhnlichen Situation zunächst normale Reaktionen des menschlichen Organismus.
Psychologische Erste Hilfe: Look, Listen, Link
Eine hilfreiche Gedächtnisstütze für den Ernstfall sind die „3 Ls“: Look, Listen, Link.
- Look – hinschauen: Was ist passiert? Ist die Situation sicher? Wer braucht unmittelbar Unterstützung? Zunächst geht es darum, sich einen Überblick zu verschaffen und weitere Gefahren möglichst auszuschließen.
- Listen – zuhören: Betroffenen Aufmerksamkeit schenken, ruhig bleiben und zuhören. Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell Lösungen zu präsentieren oder das Erlebte zu bewerten. Oft ist es bereits eine wichtige Unterstützung, präsent zu sein und dem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln: Du bist jetzt nicht allein.
- Link – verbinden: Welche weitere Unterstützung wird benötigt? Das kann eine vertraute Person sein, aber auch professionelle medizinische, psychologische oder psychosoziale Hilfe. Psychologische Erste Hilfe bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen und bei Bedarf weitere Unterstützung zu organisieren.
Was Führungskräfte und KollegInnen tun können
Gerade im Arbeitsumfeld können Führungskräfte und KollegInnen nach belastenden Ereignissen eine wichtige Rolle spielen. Sie müssen dabei keine psychologische Behandlung übernehmen. Gefragt sind vielmehr Ruhe, Klarheit und menschliche Präsenz. Hilfreich ist es, für Sicherheit und Orientierung zu sorgen, verständlich zu kommunizieren und konkrete nächste Schritte anzubieten. Gleichzeitig sollte niemand dazu gedrängt werden, unmittelbar und ausführlich über das Erlebte zu sprechen.
Auch die Helfenden selbst dürfen dabei nicht vergessen werden. Wer andere Menschen in einer Krise unterstützt oder selbst Zeuge eines belastenden Ereignisses wird, kann ebenfalls stark gefordert sein. Selbstfürsorge und professionelle Unterstützung sind deshalb kein Nebenthema, sondern Teil eines verantwortungsvollen Umgangs mit Krisensituationen.
SOS für die Seele
Als einfache Formel für den Ernstfall lässt sich SOS merken:
- Sicherheit schaffen.
- Orientierung geben.
- Stabilisierung ermöglichen.
Psychologische Erste Hilfe muss nicht kompliziert sein. Entscheidend ist, wahrzunehmen, was ein Mensch in diesem Moment braucht, Ruhe zu vermitteln und Unterstützung verfügbar zu machen. Die wichtigste Botschaft: Niemand muss Therapeut sein, um einem Menschen in einer akuten Krise beizustehen. Manchmal beginnt wirksame Hilfe mit etwas sehr Einfachem – da sein und da bleiben.
Mehr zum Thema erzählt Barbara Amon-Zsaitsits im Podcast „Erste Hilfe für die Seele“ von DIE MACHER.

